Große Sorge vor Aus für die EJS – Entscheidung des GEP für Mittwoch erwartet

Menschen in Nizza gehen gegen Russlands Krieg auf die Straße.
Menschen in Nizza gehen gegen Russlands Krieg auf die Straße. Foto: Georges Lissillour/Wikicommons
Liebe Freundinnen und Freunde der EJS,
liebe Unterstützerinnen und Unterstützer!

Der völkerrechtswidrige Angriffskrieg von Putins Armee gegen die Ukraine, die Belagerung ukrainischer Städte wie Odessa, Mariupol und Kiew, die Terrorangriffe auf die Zivilbevölkerung, die Zerstörung von Infrastruktur und die Flucht von mehr als anderthalb Millionen Menschen lösen Schockwellen in Europa aus. 

Fast im Minutentakt erlebt man die Zunahme von Repressionen gegen Oppositionelle in Russland und Belarus, gegen normale Bürger:innen und selbst Kinder. Das neue Zensurgesetz der russischen Regierung macht eine freie Berichterstattung so gut wie unmöglich. Die faktische Kriminalisierung journalistischer Arbeit, die massive Einschüchterung von Journalist:innen und Drangsalierung selbst von Auslandskorrespondent:innen führen dazu, dass viele von ihnen das Land verlassen, ganze Redaktionen schließen oder ihre Arbeit in Russland auf unbestimmte Zeit aussetzen. 

Einmal mehr wird deutlich, welche Bedeutung der digitale Medienwandel in diesem Konflikt hat. Selfies von Krieg und Flucht hatten spätestens seit dem Krieg in Syrien die Berichterstattung von Journalist:innen grundlegend verändert. Die preisgekrönte Dokumentation „My Escape“ zeigt dies anhand der Fluchtgeschichten von Menschen mithilfe ihrer selbstgedrehten Videos, das Folgeprojekt war „The War on my phone“. Zum Produktionsteam gehörte übrigens die EJS-Alumna Sophie Elmenthaler

Die neue Kriegsführung ist digital: Von „New Warfare“ spricht folgerichtig Mikhailo Fedorov,  Ukraines Minister für digitale Transformation. Weltweit arbeiten zivile IT-Hacker daran, die Verbreitung russischer Propaganda zu verhindern, koordiniert über einen Telegram-Kanal des Ministers. Der Unternehmer Elon Musk sendet Satellitensysteme in die Ukraine, um die Kommunikationsstruktur zu sichern. Russland schränkt soziale Netzwerke wie Twitter und Instagram ein, denn hier informiert sich gerade die jüngere Generation über das, was in der Ukraine wirklich passiert – wie zum Beipiel auf Tiktok als Follower von Valeria Shashenok aus dem zerstörten Tschernihiw. Die „Generation Staatsfernsehen“ erreichen solche Bilder kaum. 

Unterdessen durchsuchen Angehörige von OMON, der berüchtigten Einheit des russischen Innenministeriums, an mehreren Orten die Räume der Menschenrechtsorganisation „Memorial“, und entwenden Ordner und Computer. Die Frage nach der Sicherung sensibler Daten und die nach der Möglichkeit von Kommunikation stellt sich für Bürgerrechtler:innen und Journalist:innen gleichermaßen.

Für uns an der EJS macht nichts deutlicher, wie unerlässlich gründlicher und mutiger Journalismus und die Recherche nach Wahrheit für den Frieden, für Demokratie und Menschenrechte ist. Und: Wie zentral der Sinn für Menschenwürde für die journalistische Ausbildung ist, und wie grundlegend der digitale Wandel handwerkliches Können und ethische Reflexion braucht. 

Dafür haben wir das Konzept „EJS 4.0“ entwickelt (wir berichteten hier und hier). Dieses will neben der reformierten grundständigen Ausbildung den Bereich der Fort- und Weiterbildung deutlich ausbauen, und zwar mit einem dezidierten Schwerpunkt in digitalen Kompetenzen. Diese soll neben Journalist:innen auch gezielt Mitarbeitende in Kirche und Diakonie, in NPOs und NGOs und anderen Bereichen engagierter Zivilgesellschaft ansprechen. 

Themen für Workshops, die – bezogen auf die aktuellen Ereignisse in Osteuropa – beispielsweise für Journalist:innen und Menschenrechtsaktivist:innen attraktiv sein könnten, wären „Datensicherheit und -sicherung in autoritären Regimen“, „Risiken für Fixer und Stringer in Krisenregionen vermeiden“, „Telegram: Kanal für Querdenker oder die demokratischer Öffentlichkeit in autoritären Regimen?“, „Microtargeting: zwischen der Erschließung neuer Zielgruppen und politischer Manipulation.“ Solche Inhalte sind derzeit in keiner Ausbildung hierzulande zu finden – und dringender benötigt als je zuvor.

Daneben denken wir aber auch an Angebote z.B. im Bereich des Entrepreneurial Journalism, zu Innovation und Start-Ups im Journalismus, zu digitaler Risiko- und Krisenkommunikation in der Öffentlichkeitsarbeit, zu Plattform-Journalismus, zu Trends von Repräsentation und Exklusion in Sozialen Medien, zu den Auswirkungen künstlicher Intelligenz auf die Berichterstattung. Standards wie Podcast-Produktion oder Social Media Management gehörten natürlich auch dazu.

Der Bedarf ist da, die Ideen auch, was fehlt ist: Geld. Wie der – schwierige – Stand der Dinge aussieht: Dazu erfahrt Ihr/erfahren Sie in diesem Newsletter mehr. 

Wir danken Ihnen und Euch für Ihre/Eure bisherige Unterstützung – und hoffen doch noch auf eine mutige Entscheidung am Mittwoch.

Worüber wir Sie und Euch in diesem Newsletter informieren möchten

  1. EJS 4.0 ein zu großes wirtschaftliches Risiko fürs GEP?
  2. Veröffentlichungen von EJS-Alumni u.a. zum Krieg in der Ukraine
  3. Nothilfe für Medienschaffende in und aus der Ukraine
  4. Neue Journalismus-Ausbildung: Andere machen es vor
  5. Freund:in und Fördermitglied werden

1. EJS 4.0 ein zu großes wirtschaftliches Risiko fürs GEP?

Seit zwei Jahren ist die Zukunft der EJS ungeklärt. Nach den großen Protesten gegen die Schließung der renommierten Ausbildungsstätte debattierte der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) diese Entscheidung und gab dem Träger der EJS, dem Gemeinschaftswerk der evangelischen Publizistik (GEP), den Auftrag, gemeinsam mit der Unterstützer:innen der EJS nach einem tragfähigen Konzept zu suchen.

Das schließlich entwickelte Konzept „EJS 4.0“ erfuhr im GEP-Aufsichtsrat im Sommer 2021 mehrheitliche Zustimmung. Im Herbst fanden daraufhin intensive Gespräche zwischen EKD und GEP statt, in denen geprüft werden sollte, inwieweit die EKD eine Sicherheit für das GEP anbieten könnte, um die Fortführung und Umgestaltung der Schule als digitales Kompetenzzentrum abzusichern. Diese Verhandlungen sind gescheitert. 

Nun müssen das GEP bzw. die Mitglieder des Aufsichtsrats entscheiden, ob – und wenn ja, wie – der Fortbestand der EJS aus eigenen Mitteln zu bewerkstelligen ist. Anders gesagt: Ob „EJS 4.0“ vom GEP priorisiert wird und so eine Chance auf Zukunft bekommt.

Das EJS-Projekt „Amal“ zeigt, dass die Einwerbung von Drittmitteln über Stiftungen für journalistische Ausbildung möglich ist; weitere Mittel zum Beispiel im Bereich Digitalisierung sowie Demokratieförderung und aus europäischen Töpfen sind durchaus realistisch. Das Bundespresseamt hat bereits signalisiert, die EJS weiterhin und auch umfangreicher als bislang fördern zu wollen. Zusätzlich soll der angedachte Aufbau von Seminarangeboten im Bereich Fort- und Weiterbildung um den bewährten Markenkern „EJS“ herum eigene Geldmittel erwirtschaften. 

Dabei ist klar: Eine Journalistenschule kann sich nicht komplett refinanzieren, sondern ist immer auch auf andere Gelder angewiesen. Fundraising und das Einwerben von Drittmitteln ist erst dann seriös möglich, wenn eine Zusage des Trägers über den grundsätzlichen Willen vorliegt, einen Grundbetrag zu investieren.

Die Frage, die sich für das GEP stellt, ist neben der wirtschaftlichen auch die nach seinem Selbstverständnis und der Weiterentwicklung der eigenen digitalen Zukunftsfähigkeit – auch als Dienstleister in Kirche hinein und mit Wissens- und Erfahrungstransfer aus Medien und Zivilgesellschaft. Die Chance, die sich dem GEP jetzt bietet, ist, mit der „EJS 4.0“ im eigenen Haus in eine Struktur und ein Netzwerk zu investieren, dass digitale Kompetenz selbst entwickelt, kultiviert und auch weitergeben kann. 

Um die Frage des wirtschaftlichen Risikos für das GEP zu bewerten, wurde eine Beratungsfirma beauftragt. Diese hat auch mit uns Gespräche geführt und außerdem eine ausführliche Marktumfeldanalyse von uns erhalten. Darin stellen wir fest, dass das anvisierte Angebot der „EJS 4.0“ im Bereich digitaler Kommunikationskompetenzen sowohl regional als auch bundesweit in eine Lücke stößt. Mit dem Fokus auf die Zielgruppe der Journalist:innen und Medienschaffenden einerseits, Kommunikationsexpert:innen in Kirche und Diakonie sowie in NPOs/NGOs und anderen Bereichen engagierter Zivilgesellschaft andererseits kann sie ein wiedererkennbares, protestantisches Profil gewinnen.

Die Signale aus dem GEP sind derzeit aber deutlich pessimistisch: Für die Aufsichtsratssitzung am 16. März steht nun zu befürchten, dass sich die Mitglieder nun ein weiteres Mal gegen die Fortführung der Evangelischen Journalistenschule aussprechen werden. 

Am Freitag, den 18. März, informieren wir per Zoom über die Entscheidung.

Foto: Mathias Marx
Foto: Mathias Marx

2. Veröffentlichungen von EJS-Alumni u.a. zum Krieg in der Ukraine

Das Outing von Mitarbeitenden der römisch-katholischen Kirche Anfang des Jahres in einer großen ARD-Dokumentation sorgte in Medien und in den Kirchen für große Aufmerksamkeit. Eine der Autor:innen: die EJS-Absolventin Katharina Kühne. Auch sonst sind unsere Alumni wie immer am Puls der Zeit. Der Newsletter setzt diesmal einen Schwerpunkt auf die Ukraine-Berichterstattung, wir stellen aber auch ein paar Highlights aus anderen Bereichen vor.

Zur russischen Invasion in der Ukraine:

Jan Pfaff, taz: "Keine Politik ohne Raum", Interview mit dem Historiker Karl Schlögel über Wladimir Putins Choreografien, russische Ressentiments und die unklare Haltung der deutschen Politik zu allem.

Sofie Czilwik, DIE ZEIT: "Aufrüstung und Pazifismus schließen sich aus", Interview mit der Friedens- und Konfliktforscherin Ursula Schröder. Was müsste passieren, damit Putin die Invasion stoppt? Die Frage sei nicht, wie es Frieden geben könne, sondern welchen.

Lina Verschwele, DER SPIEGEL: "Es gibt jetzt keinen sicheren Ort. Nur die Keller." Ekaterina Perewersewa ist heute Morgen vor den Explosionen in ihrer Stadt geflüchtet. Nun versteckt sie sich in einer Kellerwerkstatt, zusammen mit Freunden. Was sie jetzt vorhat – und was sie sich von den Russen erhofft.

Marlene Brey, Luxemburger Wort: Mit dem Bus aus Luxemburg an den Rand des Krieges. Julien Doussot macht sich auf, seinen Freund Miro aus dem Krieg zu holen. Am Ende rettet er viel mehr Menschen – nur den einen nicht. 

Franziska Hoppen, rbb Inforadio: Frauen im Krieg. Die meisten Geflüchteten aus der Ukraine sind Frauen mit ihren Kindern. Andere bleiben in der Heimat und kämpfen. Das verschiebt traditionelle Rollenbilder.

Daniel Donath (u.a.), rbb Kontraste: Die Schrecken des Krieges. Eine Reportage zwischen Mut, Kriegsverbrechen und einer humanitären Katastrophe.

Charlotte Schöneberger, ARD MorgenmagazinSchutz für ukrainische Kinder. Ein Verein aus Freiburg will ukrainische Kinder in Deutschland aufnehmen – die Angst um sie ist groß.

Jann-Luca Künßberg, Harz Kurier/Braunschweiger Zeitung: "Es ist eine traumatische Erfahrung", Interview mit Jürgen Trittin über den Krieg und dessen Folgen für Land und Partei.

Weitere Themen:

Katharina Kühn (u.a.), rbb: "Wie Gott uns schuf". Gläubige im Dienst der katholischen Kirche wagen den Schritt in die Öffentlichkeit. Menschen, die sich als nicht-heterosexuell identifizieren, erzählen vom Kampf um ihre Kirche – manchmal sogar mit dem Risiko, ihre Arbeit zu verlieren.

Bettina Malter (u.a.), Investigativteam ARD: Schuldig. Wie Sportler ungewollt zu Dopern werden können. Die Doku stellt das weltweite Anti-Doping-System infrage: Ein nie dagewesenes Experiment alarmiert Expert:innen. 

Ortrun Schütz, rbb kultur: 90. Geburtstag Miriam Mabeka. Musikalische Botschafterin, Exilantin, politische Aktivistin. Die südafrikanische Sängerin Miriam Makeba - auch liebevoll „Mama Africa“ genannt - hat dem Westen gezeigt, was afrikanische Musik ist. Im amerikanischen Exil ist ihr mit dem Song „Pata pata“ der internationale Durchbruch gelungen. Darüber hinaus hat sie sich gegen die Apartheid-Politik in Südafrika eingesetzt und viel für Menschrechte und gegen Aids gekämpft. 

Birte Mensing, ZDF-Nachrichten: Kenia: Mit Recycling gegen die Plastikflut. In Nairobi verhandeln die UN von heute an über ein weltweites Abkommen zur Vermeidung von Plastikmüll. Die lokale Initiative „Flipflopi“ hat bereits eine einfache Lösung gefunden.

Sebastian Stoll, DER SPIEGEL: Im Dorf der verbrannten Schweine. In Alt Tellin ging eine der größten Tierfabriken Europas in Flammen auf. Nun sorgt die Zukunft des Dorfes in Mecklenburg-Vorpommern für Streit und Missgunst zwischen zugezogenen Westdeutschen und Einheimischen.

3. Nothilfe für Medienschaffende in und aus der Ukraine

Journalist:innen in der Ukraine sind derzeit großer Gefahr ausgesetzt. Wir bitten alle, die sich dazu in der Lage sehen, unsere Kolleg:innen in ihrer wichtigen Arbeit zu unterstützen: ukrainische und Journalist:innen anderer Nationalitäten vor Ort genauso wie Exiljournalist:innen, die flüchten mussten. Verschiedene Organisationen sammeln Spenden u.a. für Schutzwesten und Helme, für Versicherungsschutz und funktionierende Telefon- und Internetausstattung, bei der Flucht in sichere Drittländer und für psychologische Betreuung. 

Der Freundes- und Förderverein der Evangelischen Journalistenschule e.V. stellt eine Spende in Höhe von 1.500 Euro zur Verfügung.  

Netzwerk Recherche gemeinsam mit n-ost, FragDenStaat, Reporter ohne Grenzen, taz Panter Stiftung

4. Neue Journalismusausbildungen – andere machen es vor


Während EKD und GEP nicht wissen, ob es mit der EJS weitergeht, machen andere Nägel mit Köpfen: und gründen.

Das erfolgreiche katapult-magazin will im Frühjahr in Greifswald eine Ausbildungsstätte für Lokaljournalismus gründen. "Ich bin ja nicht mal Journalist", sagt der Katapult-Gründer Benjamin Fredrich im Interview mit dem Medienmagazin journalist, "ich hab nur Bock drauf, irgendwas Relevantes zu machen." So viel Entschlossenheit und Sinn für Relevantes wünschen wir uns auch.

Derweil entsteht im Rheinland das Bonn Institute für konstruktiven Journalismus. Gesellschafter sind RTL, Deutsche Welle, Rheinische Post Mediengruppe und das dänische Constructive Journalism Institute. 

Gründerin und Geschäftsführerin Ellen Heinrichs: "Mein Eindruck ist, dass wir mit neuen Technologien und Prozessen die Digitalisierung nicht gewinnen werden. In den Medienhäusern ist zwar schon wahnsinnig viel gute Arbeit geleistet worden, es sind neue Tools, Ausspielwege und Plattformen hinzugekommen, Paywalls wurden etabliert, Formate werden sehr viel professioneller entwickelt. Aber die Diskussion darüber, wie sich der Journalismus selber weiterentwickeln muss, um im digitalen Zeitalter den Menschen einen Mehrwert zu bieten und damit auch relevant zu sein, diese Debatte, die an das eigene Selbstverständnis geht, muss die Branche noch führen." 

5. Freund:in und Fördermitglied werden

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Natascha Gillenberg

Herzliche Grüße

Natascha Gillenberg
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